Zur Einweihung unseres Standortes in der Amandastraße gab es einen Vortrag von
Hans-Günter Meyer-Thompson
DGS – Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin, Beirat Substitutionsrecht


Guten Tag!
Dies ist jetzt die vierte Veranstaltung in über 20 Jahren, zu der mich die Palette eingeladen
hat: 1996 war es der Besuch von Vincent Dole und Robert Newman, den Wegbereitern der
Methadonbehandlung in New York und weltweit, die in Eidelstedt das rote Band am Mary-
Nyswander-Weg (ebenfalls eine Methadon-Pionierin) durchschnitten. Wenig später eine
Fernseh-Diskussion mit Rainer Schmidt und der damaligen Gesundheitssenatorin, an deren
Ende die Palette die Zusage für eine vierte Beratungsstelle erhielt. Und dann natürlich die
Veranstaltungen zur 25-Jahresfeier der Palette, als sich bereits die Reform des
Substitutionsrechts abzeichnete.
Die haben wir nun: Ende dieses Monats wird die BtMVV in Kombination mit der neuen
Substitutionsrichtlinie der BÄK inkrafttreten. Darauf haben wir 25 Jahre gewartet bzw. dafür
haben wir gestritten. Das Ergebnis lautet, dass die Rechtsunsicherheit für Ärzte wie für
Juristen ein Ende hat und dass wir in der täglichen Substitutionspraxis einen echten
Zugewinn haben. Die Abstinenzforderung hat ihren Platz gefunden als Therapieziel neben
Gesundung, Schadensminderung, Überleben, Integration und anderen Zielen. Das Recht ist
also der Wissenschaft gefolgt. Denn wir wissen schon lange, dass es ein Behandlungsfehler
ist, unsere Patienten in die Opioid-Abstinenz zu zwingen. Die Substitutionsbehandlung ist die
Therapie der ersten Wahl.
Ebenso wichtig war es, die therapeutischen Vorschriften aus der BtMVV in die BÄK-RL
„abzuschichten“, denn dort gehören sie auch hin.
Ebenfalls ein Fortschritt: Nun dürfen auch außerhalb Hamburgs Patienten die Rezepte für
Apotheken ausgehändigt werden, auch wenn das Substitut noch in der Apotheke
eingenommen werden soll.
Ein paar weitere praktische Dinge, die in Hamburg immer schon gebräuchlich waren, haben
nun den Weg ins Bundesrecht gefunden, auch wenn die Stadt Hamburg sich dafür nicht
besonders stark gemacht hat.
Und dann ist es gelungen, endlich die Rezeptgültigkeit von 7 auf bis zu 30 Tagen
auszuweiten, was vielen unserer Patienten eine wirkliche soziale Integration erlaubt.
Schließlich wird aller Voraussicht nach auch die Verpflichtung zur psycho-sozialen
Behandlung von Substitutionspatienten fallen, die letztlich nur von den Krankenkassen
verteidigt wird, die dafür allerdings nicht bezahlen wollen.
Und damit bin ich bei der Palette, die in weiser Voraussicht sich frei gemacht hat von der
Zuwendung durch den Sozialhaushalt der Freien und Hansestadt und ihre Finanzierung
erstritten hat im Rahmen der Einzelfallhilfe. Das war klug. Denn mit dem Wegfall der PSBVerpflichtung
werden die Haushaltspolitiker drangehen, die Kosten für die PSB
einzudampfen. In Hamburg und anderswo.
Daran kann niemandem gelegen sein: Nicht den Patientinnen und Patienten, für die dieser
Bestandteil der Substitution ein wichtiger Schritt zur Genesung ist. Nicht den Ärztinnen und
Ärzten, deren Aufgabe medizinisch definiert ist und die sich auch lieber nicht als die
besseren Sozialarbeiter verstehen sollten. Den PSB-Einrichtungen ebenfalls nicht, weil
deren Arbeit trotz nicht vereinheitlichter Standards und Qualitätskriterien einen hohen Stand
erreicht hat, der Maßstab für die ambulante Behandlung von Substanzabhängigen ist. Man
wünschte sich derartige Möglichkeiten und Qualitäten auch für Alkoholkranke. Und mit der
Maßgabe in der Richtlinie der Bundesärztekammer, die PSB regelhaft zu empfehlen - für
einige Patientengruppen auch ausdrücklich - können die Einrichtungen ihre Kräfte auf
diejenigen Klientinnen und Klienten konzentrieren, bei denen eine PSB nach allgemeiner
Auffassung auch erforderlich ist. Das wird allen zugute kommen. Aber dafür muss dann auch
weiterhin Geld vorhanden sein.
Auch wenn einzelne Reforminhalte unseren Patientinnen und Patienten zugute kommen, so
ist deren rechtliche Situation immer noch durch die Abhängigkeit von ihren behandelnden
Ärztinnen und Ärzten beschrieben. Es gibt kein Recht auf Lockerungen -- kein Patient, keine
Patientin kann die Befreiung von den einengenden Umständen der Behandlung einfordern,
die in der englischsprachigen Welt als „cotton-chain“, also Fessel aus Baumwolle,
bezeichnet wird, selbst wenn sämtliche Behandlungsumstände für höchste Stabilität
sprechen. Ich wünsche mir deshalb, dass Patientinnen und Patienten die ihnen zustehenden
Rechte offensiv einfordern: Das Recht auf sorgfältige Untersuchungen, das Recht auf
tiefgehende Erhebungen der Vorgeschichte, das Recht auf eine ordentliche Behandlung
ihrer körperlichen und seelischen Begleitkrankheiten und das Recht auf Therapiepläne und
Behandlungsverträge, die individuell zugeschnitten sind und beiderseits auch verfolgt
werden. Und dazu gehören dann auch Verordnungskriterien, die „entfesseln“.
Es gibt hierzulande leider keine starke Patientenbewegung. Und diejenigen, die öffentlich für
den Erfolg der Substitutionsbehandlung einstehen könnten, die Vielzahl der gut integrierten
Patientinnen und Patienten, die in fast allen Berufen dieser Stadt arbeiten, die Familien
haben, die Steuern zahlen, die mit einer schweren chronischen Erkrankung ein normales
Leben führen, die werden den Teufel tun und sich als Substituierte öffentlich zu erkennen
geben. Denn dagegen steht das Stigma der Sucht, die Diskriminierung der Suchtkranken. Es
liegt also auch an uns, den therapeutisch Tätigen in Suchtmedizin und PSB, für diese
Menschen einzustehen. Die Palette hat diese Aufgabe immer besonders ernst genommen,
und dafür ist ihr zu danken.
Schließlich möchte ich den Blick auf eine neue Patientengruppe richten. Es handelt sich um
die Zuwanderer aus Iran und Afghanistan, die aus vielerlei Gründen bereits eine
Opioidabhängigkeit mitgebracht haben. Die Behandlung dieser Menschen stößt an
sprachliche, politische und kulturell bedingte Grenzen. Wir sehen die ersten Patienten, die
der Opioidsucht wegen unter die Räder geraten, die sich mit Infektionskrankheiten
anstecken, die kriminell werden. Und wir sehen, dass sich der Heroinmarkt in Hamburg und
über Hamburg hinaus ändert, weil mit Direktimporten aus dem Goldenen Halbmond die
eingesessenen Händlergruppen ökonomisch unter Druck geraten. Es droht, zu
Verteilungskämpfen zu kommen. Mein Wunsch an die Hamburger Drogenpolitik lautet
deshalb, dieses Thema auf die Tagesordnung zu setzen und niedrigschwellige Angebote zu
entwickeln. Eine Aufgabe gleichermaßen für die Drogenhilfe, die Drogenpolitik, für das
Öffentliche Gesundheitswesen und für die Polizei. Es drängt.
Zuletzt: Der Gründer der Hamburger Substitutionsambulanzen, Georg „Schorsch“
Chorzelski, hat vor vielen Jahren in einer ähnlichen Grußbotschaft einmal darauf
hingewiesen, dass die Max-Brauer-Allee und die Altonaer Straße bis zur Sternschanze alle
Elemente der Drogenhilfe aufweist. Da ist ganz am Anfang die therapeutische Wohnung von
Care, es folgen links und rechts vom Altonaer Bahnhof ein halbes Dutzend
Substitutionspraxen (leider mit abnehmender Tendenz), es geht weiter mit der
Geschäftsstelle von JHJ, gegenüber das Amtsgericht (auch eine Form von Drogenhilfe),
dann war da mal die Urzelle der Hamburger Drogenhilfe, das Therapiezentrum Altona im
alten Altonaer Krankenhaus, es folgt die Altonaer Substitutionsambulanz, vor der
Sternbrücke saß ein Elternverband, am Schulterblatt gab es mal den Konsumraum Fixstern
und den Bauwagen für Spritzentausch und links und rechts IGLU und Palette. Und ganz am
Ende die Praxis von Rainer Ullmann, wo seine NachfolgerInnen die Substitutionsbehandlung
fortsetzen. Schön, dass Ihr, die Palette, weiterhin in der Nähe seid. Wir brauchen Euch.
Danke.
Hans-Günter Meyer-Thompson
DGS – Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin, Beirat Substitutionsrecht